Was ist Religion?
Wie überall dürfen wir damit anfangen, dass der Sammelbegriff Religion zu viele verschiedene Phänomene beinhaltet, als dass eine allgemein gültige Definition formulierbar ist. Wenn verschiedene Personen darüber sprechen, was Religion ist, sollte eine diskursive Annäherung darüber vorausgehen.
Hier sollen nicht die verschiedenen Herangehensweisen und Ebenen aufgelistet werden, mit welchen Teilbereiche von Religion wissenschaftlich erklärt werden. Wie z. B. ein soziologisches Verständnis von Religion oder ein kommunikativer Ansatz zur Erklärung der gesellschaftlichen religiösen Phänomene. Auch wird hier Religion nicht als eine institutionelle Grösse oder Trägerin von Wahrheitsansprüchen über gewisse Offenbarungen verstanden.
Wer zufrieden war mit dem Gedanken, dass Religion entstanden sei, weil die unaufgeklärte Menschheit zu wenig wissenschaftliche Einsicht in die Geschehnisse rund um ihr Leben hatten und deshalb Götter erfunden haben, sollte spätestens jetzt aufhören weiter zu lesen. Auch wer glaubt Religion sei gezielt erschaffen worden, um Menschen zu kontrollieren oder Religion sei für jene Menschen, welche mit der unpersönlichen Wahrheit nicht klar kommen, sie seien nicht der Mittelpunkt des Universums.
Der folgende Versuch Religion zu definieren, sucht nach anthropologischen Gründen weshalb der Mensch religiös ist und sucht nach der religiösen Essenz welche aus spirituellen Erfahrungen entspringt.
Religion ist Ausdruck von spirituellen Erfahrungen, ob im persönlichen oder gemeinschaftlichen Rahmen. Der Mensch erfährt in seinem Leben die heilende Lebenskraft am wirken und diese bleibt mit dem Verstand letztendlich nicht fassbar. Religiöse Handlungen, Bilder und Geschichten sind keine rationellen Erklärungen für diese Erfahrung, sondern in erster Linie Ausdruck von- und Umgang mit dieser. Das Ausdrucksbedürfnis ist dem Menschen ureigen und braucht selber keine Begründung oder Berechtigung. Es besitzt eine eigenständige Qualität und “Wahrheit”. Gott ist keine halbherzige Antwort auf die Fragen unseres Verstandes. In der industrialisierten und kapitalistischen Welt ist ein technische Vorstellung unserer Natur und unseres Leben tief verankert. Wir sind Blind geworden für die Grenzen und Möglichkeiten unseres Verstehens. Wir verlieren die Sicht auf die für unseren Verstand unfassbaren und uns übersteigenden Dinge. Diese machen nicht nur den grössten, sonder vor allem den konstituierenden Teil unseres Lebens aus. Zum Beispiel wie und warum die Lebenskraft in uns wirkt?
Für mich gründet sich unser Leben und Alltag auf drei Säulen welche mit dem Verstand nicht fassbar sind:
- Das Bewusstsein, der Träger der Gedanken und aller Erfahrungen
- Die Lebenskraft und -intention
- Die bedingungslose Liebe, nach welcher wir uns sehnen
Jeder Gedanke über einen Gegenstand ist ein entfernen von der Seins-Realität dieses Gegenstandes, ist ein begrenzen und abgrenzen dieses Gegenstandes aus der Realität in der er verwoben bleibt. Unser Verstand ist ein mächtiges Werkzeug, aber durch ein rein technisches Verständnis des Lebens versuchen wir dieses Werkzeug für Aufgaben zu gebrauchen, die unpassend sind. Auf die simple Frage nach dem Sinn des Lebens eine Antwort zu erwarten, ist wie mit einem Hammer einen Pfannkuchen backen zu wollen. Durch dieses technische Verständnis des Lebens und einem spirituellen Analphabetismus wird Religiosität auf verschiedenste Weise in der heutigen Gesellschaft missbraucht. Religion ist nur dort als solche anzuerkennen wo eine lebendige Spiritualität erfahrbar ist. Religion ist kein exklusives “Wahrheits- oder Heilskonstrukt”. Es ist kein Regelbuch um das gelingen des Lebens und Gottes Wohlgefallen zu gewährleisten. “Religion ist erlebnishafte Begegnung mit dem Heilsamen - und darauf antwortendes Handeln des davon ergriffenen Menschen”. Religion ist nicht zu verwechseln mit Machtmissbräuchen und Verzweckungen individueller Gruppen oder Personen.
Anklagen gegenüber Religion richten sich oft an institutionelle und nicht religiöse Probleme, nämlich jene von Machtmissbrauch und Verzweckung durch individuelle Gruppen oder Personen. Dieses Phänomen ist ein grundlegend menschliches Problem, welches wir überall in Politik, Wirtschaft und Religion finden.
Anklagen gegenüber Religion richten sich oft auch an Fundamentalismus, welcher wiederum kein spezifisch religiöses Problem ist und sich in allen Lebensbereichen des Menschen findet. Fundamentalisten haben zum Teil starke Schwierigkeiten mit Kontingenzerfahrungen. Sie bilden ihre Identität zu einem Teil auf Glaubensaussagen und Wissensansprüchen. Wer diese Grundsätze in Frage stellt, stellt unbewusst auch ihre Identität in frage. Deshalb finden wir eine hohe Gewaltbereitschaft im Zusammenhang mit Fundamentalismus. Die aristotelische Wahrheit: “Wir wissen, dass wir nichts wissen” bedrängt dieses Weltbild ununterbrochen und führt zu weiteren Spannungen. Aber natürlich relativieren wir alle unsere alltägliche Kontingenzerfahrung durch kleinere und grössere “Lügen”. Siehe dazu: “cognitive biases”.
Spiritualität ist dabei kein Überdecken von Ängsten mit gewünschten Vorstellungen. Es ist eine konkrete Erfahrung, welche auch kontemplative Übungen voraussetzt. Mehr dazu unter “Was ist Spiritualität?”.
Eine Definition von Religion, welche alle damit zusammenhängende Phänomene einschliesst, ist nicht möglich. Das hier skizzierte Fundament ist stark westlich-christlich geprägt. Es gilt die Begriffe Religion, Religiosität und Spiritualität zu unterscheiden. Religion wird hier aber bewusst stellvertretend benutzt, um eine gemeinsame “religiöse Essenz” zu betonen, ohne gelebte Spiritualität bleiben diese Begriffe blutleer. Religion ist eine Dimension von vielen der modernen Wirklichkeit und bedingt weder das Leben noch dessen “Heil”.
aktualisiert Oktober 2015
Euer Bruder Karaviro
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