Was ist Spiritualität?

Das was Menschen als Spiritualität benennen, beinhaltet Erfahrungen welche das rationelle Denken übersteigen. Deshalb teilen sich die Überzeugungen darüber, was Spiritualität ist, in jene Gruppe von Menschen die diese Erfahrungen als Selbstbetrug abtun und jene die darauf bauen. Für die Auseinandersetzung mit Spiritualität muss ein naives Wahrheitsverständnis und ein naives Realitätsverständnis überwunden werden. Es sind unter anderem folgende Voraussetzungen zu beachten:

1. Die Auseinandersetzung mit Spiritualität setzt “solche” Erfahrungen voraus oder es besteht eine echte Bereitschaft sich mit etwas auseinander zu setzen, dessen Eingang an den Grenzen des Verstandes liegt. Diese Erfahrungen tragen aber keine religiöse Deutungen in sich, diese Deutungen bleiben immer subjektive Interpretationen. Ohne Erfahrung in Kontemplation und anderen spirituellen Übungen kann darüber nicht sinnvoll gesprochen werden.

2. Spiritualität und die dazugehörenden Begriffe weisen auf konkrete menschliche Erfahrungen. Diese erschöpfen sich nicht in der rationalen und begrifflichen Auseinandersetzung. Grundsätzlich weisen alle Begriffe lediglich begrenzt auf die Realität ihrer Gegenstände, um so mehr aber die Begriffe der Spiritualität, welche einen den Verstand übersteigenden Moment beinhalten. (Siehe dazu “Das Heilige, Rudolf Otto”)

3. Diese Erfahrungen ermöglichen die Unterscheidung von Verstand und Bewusstsein. Diese Erfahrung ist Voraussetzung “den Träger” von Gedanken wahrzunehmen und diesen von unseren Konzepten und Ideen des Verstandes zu unterscheiden. Dieser Träger ist somit nicht begrenzbar und fassbar, sondern nur erfahrbar.

Diese Voraussetzungen bringen die schwierige Aufgabe mit sich, dass wir dafür immer wieder neu eine enorme Achtsamkeit und selbstkritische Ehrlichkeit brauchen. Es wird Feingefühl benötigt zwischen Eindruck, Erfahrung und Interpretation zu unterscheiden. Die gemachten Erfahrungen und Interpretationen müssen immer wieder neu hinterfragt werden. Schlussendlich führen diese Voraussetzungen zur Schlüsselfrage, ob ein Teil von spirituellen Erfahrungen lediglich aus uns selber entspringen oder stammen diese im Austausch mit einer externen Instanz oder der Welt? An dieser Frage scheiden sich die Geister Wort wörtlich. Die Körper-Geist (Leib-Seele) Problematik spaltet die Philosophie regelrecht in zwei Lager. Für die Definition von Spiritualität ist es aber wichtig diese Fragen im Vorfeld zu klären. Alle Weltdeutungen sollten die Phänomena von Geist und Bewusstsein ernst nehmen. Unabhängig von einer theistischen oder atheistischen Weltdeutung, sind diese beiden Phänomena nicht befriedigend durch ein rein technisches Weltbild erklärbar. Es ist natürlich möglich davon auszugehen, dass die Willensfreiheit nichts mehr als eine menschliche Illusion darstellt und diese nur als Mittel zum Zweck im universellen Spiel des Lebens dient. Die Annahme einer echten (bedingten) Willensfreiheit und das Verbunden-Sein des menschlichen Geistes mit der Existenz ausserhalb der Erfahrungen der körperlichen Sinne (Geistsinn/Seele) - ist hier Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Spiritualität im folgenden Kontext. Da der Begriff Spiritualität in der Geschichte religiösen Ursprungs ist, neigen “Atheisten” diesen zu meiden. Aber unabhängig vom Weltbild und dessen Deutung kann der Gewinn von “spirituellen” Übungen von jedem erfahren werden. Ein Beispiel dafür ist die Beliebtheit des Zen unter Managerkreisen, die sehr effizient und konzentriert Ruhe und Musse erfahren möchten. 

Ziele von spirituellen Übungen:

  • Ich kehre zum Träger meiner Gedanken zurück, der selber kein Gedanke, Idee oder Konzept ist.
  • Ich höre auf zu werten und die Dinge zu definieren.
  • Ich gebe den Dingen Raum.
  • Ich gebe dem Sein Raum.
  • Ich umarme das Jetzt.
  • Ich lerne den Verstand vom Bewusstsein zu unterscheiden. Der Verstand ist unser Werkzeug, nicht das Sein selbst.
  • Ich tauche in die tieferen Ebenen des Bewusstseins. 
  • Ich löse die gedanklichen Bedingungen meines Ichs auf. Ich bin nicht die Idee, die ich von mir habe. Der Träger ist wie Alles verwoben in die Existenz.
  • Ich löse die Illusion von Haben auf.
  • Ich entlasse die destruktiven Kräfte des falschen Egos.
  • Ich übe den gedankenlosen Zustand.
  • Angst wird ersetzt durch Wachheit und Achtsamkeit.

Religiöse Deutungen und Urteile:

  • Ich schaue “die Lebenskraft” und urteile nicht.
  • Ich trete in Beziehung mit dieser Lebenskraft.
  • Ich sehe meine Kraft entspringen aus dieser Lebenskraft.
  • Ich gebe der Lebenskraft Raum mit ihrer heilsamen Kraft in meinem Leben zu wirken.
  • Ich erfahre echte Verbundenheit mit allen Dingen ausserhalb von Raum und Zeit.

Gewinn von spirituellem Bewusstsein:

  • Bewusst werden und erfahren von Angst und Haben als Illusion und integration dieser Realität im Leben.
  • Erfahren des spontanen unlogischen und kreativen Moments der Lebenskraft als Grundlage für eine echte bedingte Willensfreiheit.

Diese Realitäten sind Grundlagen für eine gelingende Gemeinschaft, welche auf Vertrauen und Liebe baut und nicht auf Angst und Gier.

Es handelt sich um eine Ebene von Erfahrungen die im Umfeld eines technischen Verständnisses der Welt um ihre Daseinsberechtigung kämpfen muss. Sie sucht und braucht Gefässe und Ausdrucksformen. Eine religiöse Deutung von spiritueller Erfahrung geht von einer Welt aus in der die geistige Ebene des Lebens gleichwertig mit der materiellen Ebene steht, nicht lediglich ein Produkt der letzteren ist. Die geistige Ebene existiert dabei nicht analog zur materiellen Ebene, das Existenzverständnis kann nicht einfach übertragen werden. Gott existiert nicht auf analoger weise wie es ein Baum tut. Es ist die Ebene des “Noch-Nicht”, des Unmanifestierten und verlangt ein neues Existenzverständnis. Mit dieser Unterscheidung soll dabei kein wertender Dualismus beschrieben werden, sondern Ebenen welche in Wechselwirkung stehen und mit etwaigen anderen Ebenen eine Einheit bilden. Der göttliche Schöpfungsakt geschieht aus dieser Ebene, abseits von unserem Verständnis von Raum und Zeit in jedem Augenblick immer wieder neu und ermöglicht die bedingte Freiheit der Schöpfung.

Für ein rein technisches Weltbild sind diese Interpretationen von mystischen Erfahrungen vielleicht nicht nachvollziehbar oder wollen nicht nachvollzogen werden. Der Verstand möchte begreifen, Dinge besitzen und einordnen. Dieser Wunsch steht aber seiner begrenzten Natur nicht zu. Unsere Vernunft tappt im Dunkeln und wir versuchen die Brücke zu ertasten, die uns von der materiellen Welt zum Land der Träume bringt. Wir nehmen mehr wahr, als wir mit dem Verstand fassen können, sind uns aber vieler Dinge und Prozesse unseres Alltags nicht Bewusst. Bewusstsein lässt sich letztendlich nicht verstehen, es lässt sich aber erfahren. In Zusammenhang mit Religion fällt dabei oft der Begriff der Mystik. Der griechische Wortstamm “myo” bedeutet übersetzt “schliessen”, “verschweigen”. Der Mystiker schliesst seine Augen und seinen Mund und wird still. Er öffnet sich, damit die Existenz ihn und alles durchfluten kann. Mit jedem Gedanken entfernen wir uns von der Realität und noch viel weiter entfernt von der Wahrheit ist jegliches Wort. Siehst du die Realität, lässt du die Realität wirken bevor du irgendwelche Ansprüche erhebst? Kannst du deine Gedanken von der Realität und Wahrheit unterscheiden? Dieser Zustand des vorurteilsfreien Sein muss trainiert werden, er wird einem nicht einfach geschenkt. Erst nachdem wir das Organ der Spiritualität gestärkt haben, können wir tiefer ins Bewusstsein tauchen und die unsichtbare Welt, welche in die materielle Welt eingreift erfahren.

Was wir dort erfahren ist das Bewusstsein vor unseren Konzepten und Ideen, vor der Sprache, vor Bildern und Symbolen. Wir erfahren einen Ort abseits von Zeit und Raum. Dort angekommen verstehen wir die Ursprünge aller Religiosität. Wir blicken in die unerschöpfliche Quelle des unaufhaltsamen Flusses des Lebens. Dort gibt es keine Angst, keine Unwahrheit, kein Leid. Dort gibt es Frieden, Freude und Liebe. Die Religionen der Welt benennen in ihrer Sprache mit ihren Bildern dieses Mysterium und einige Religion wagen diese Quelle mit keinem irdischen Namen zu benennen, wie der atheistische Buddhismus.

“Nichts Wirkliches kann bedroht werden.

Nichts Unwirkliches existiert.

Hierin liegt der Frieden GOTTES”

Die Wurzel allen Leidens und allen Hasses ist das Festhalten an Illusionen des Verstandes wie z. B. das Ego und dessen Ängste. Dieses Leben ist eine Seelenschule und entwickelt uns zu Töchtern und Söhnen Gottes.

aktualisert Januar 2016
Euer Bruder Karaviro

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